Metrobasel als Campus und Petrischale

Eine Vision für die Metropolitanregion Basel

Wir haben das Privileg, in einer Region zu leben, der es im Vergleich mit sehr vielen anderen Regionen dieser Welt seit Jahren sehr gut geht. Die Wirtschaftsleistung ist hoch und die meisten Menschen leben gerne hier. Wie aber können wir sicherstellen, dass diese Wohlfahrt in drei bis vier Jahrzehnten immer noch stark überdurchschnittlich sein wird? Wie können wir vermeiden, dass unser Wohlstandsvorsprung allmählich erodiert, wie wir das bei vielen Regionen vergleichbarer Grösse in Frankreich oder Italien beobachten können? Wie können wir die attraktivste, interessanteste und lebenswerteste Nicht-Weltstadt der Welt sein, kurzum die Region mit der weltweit höchsten Lebensqualität?

Dazu braucht es eine klare Vorstellung, wohin wir gehen und wo wir im Jahr 2050 sein wollen. Dass es dazu Veränderungen und Mut zu Neuerungen braucht, ist naheliegend. Welche Voraussetzungen im Jahre 2050 genau vorliegen werden, ist schwierig vorherzusehen. Dennoch dürfte vordergründig schnell ein Konsens gefunden sein: Auch 2050 ist die Metropolitanregion Basel eine Region, in der die Menschen gerne leben und wo es ihnen wohl ist. Indes: Ist das eine Vision? Es wäre wohl sinnvoller, dies als „übergeordnetes Ziel“ darzustellen. Für eine Vision ist es zu wenig spezifisch; welche Region wollte nicht, dass es ihren Bewohnern gut gehe?

Damit stellt sich die Frage, was denn eine Vision für die Region Metrobasel ist. Im vorliegenden Kontext sei dies wie folgt definiert: ein Region Basel-spezifisches Bild einer sowohl wünschbaren wie auch realisierbaren Zukunft.

Diese Zukunft zu zeichnen ist fast so spannend wie die Zukunft selber. Und mindestens so überraschend. So ist eine Vision für das Jahr 2050 zu komponieren ein kleines Abenteuer. Das hat wohl auch die Gruppe von kreativ-kritischen Menschen aus der Region Basel erlebt, die sich in Interviews und Workshops intensiv mit dieser Vision fürs Jahr 2050 auseinandergesetzt hat. Man könnte sich beispielsweise futuristische Szenen mit glücklichen Menschen in Wolkenkratzern an grünen Auen und CO2-frei fliegenden Autos vorstellen. Aber das ist weder Basel-spezifisch noch realisierbar und daher eher eine Utopie.

Eine wirklich konkrete und realistische Vorstellung unserer Region für das Jahr 2050 kann nur falsch sein. Sehr wohl vorstellbar ist das Jahr 2020. Aber 2020 liegt mittlerweile im Planungsperimeter und kann deshalb zeitlich nicht Gegenstand einer Vision sein. Dreissig oder gar vierzig Jahre vorauszuschauen wäre zwar visionär, überfordert aber die meisten von uns. Erinnern Sie sich ans Jahr 1976? Das ist nunmehr 37 Jahre her und liegt somit gleich weit weg wie das Jahr 2050. Und 37 Jahre sind lang!

Umgekehrt gibt es Einiges, das sich in seinen Grundzügen kaum verändert hat. 1976 sahen Schulhäuser, Verwaltungsgebäude oder Restaurants im Wesentlichen gleich aus wie heute; dasselbe gilt für Transportmittel (Autos, Eisenbahnen, Flugzeuge). Und auch Lebensmittel, Kleider oder Möbel unterscheiden sich nicht wesentlich. Umgekehrt hätten wir uns 1976 in einer Vision für 2013 wohl Bilder ausgemalt, in denen Paris oder Grindelwald höchstens eine halbe Stunde weg sind, es einen Kanton Nordwestschweiz gibt und Basel die wichtigste Chemiemetropole Europas ist.

Zudem konnten wir uns vor 37 Jahren kaum vorstellen, dass 2013 die wirtschaftlichen Grenzen zur EU eher höher werden, sich die Kommunikations- und Informationstechnologie radikal verändert und heute alles von Life Sciences (und Nanotechnologie) redet. Wer wünscht sich heute schon die rauchenden Kamine der Chemiefabriken zurück? Das bedeutet aber, dass eine Vision für 2050 weder Industriepolitik (was wird die wichtigste Wohlstandsquelle sein?) noch Infrastrukturpolitik (wo welche Art von Beton sein soll) enthalten kann. Auch konkrete Inhalte der Verkehrspolitik, Bildungspolitik, Umweltpolitik etc. wären aus der Retrospektive allenfalls lächerlich, vielleicht aber auch gefährlich, weil sie in eine falsche Richtung wiesen.

Besteht das Visionäre also in einer Visionsverweigerung? Sicher nicht! Wir sind überzeugt, dass es sich lohnt, ein Bild für das Jahr 2050 zu entwickeln. Natürlich sind die konkreten Details, die wir uns heute vor unsere geistigen Augen malen, mit grosser Wahrscheinlichkeit falsch. Das stört aber überhaupt nicht. Eine Vision ist ja keine Prognose (und kann deshalb weder richtig noch falsch sein); vielmehr ist eine Vision eine klare Vorstellung, wo man in der Zukunft sein will. Insofern gibt sie, obwohl sie einen zukünftigen Zustand beschreibt, in erster Linie eine Richtung an.

Wenn wir also ein wünschbares Bild unserer Region im Jahre 2050 zeichnen, bedarf es einer differenzierten Analyse und Darstellung. Die Ausfaltung des übergeordneten Ziels in eine Vision 2050 für die Region Basel, die aus der Optik des Jahres 2013 sowohl Basel-spezifisch als auch wünschbar und realisierbar ist, sieht wie folgt aus:

Wenn der bestehende Wohlfahrtsvorsprung im Vergleich zur übrigen Welt in den kommenden Jahrzehnten in unserer Region anhalten soll, braucht es eine attraktive Kernstadt mit Weltstadt-Flair. Was müssen wir uns darunter vorstellen? Basel wird von der Grösse her nie eine Weltstadt à la New York oder Hongkong sein; das ist auch nicht erstrebenswert (die Nachteile und Kosten der Grösse und der Dichte sind zu hoch). Es braucht aber ein spezielles Cachet, eine einmalige Mischung und Intensität an Lebensqualität, insbesondere um diejenigen (und in Europa eher knapper werdenden) Menschen in unsere Region zu holen und hier zu halten, welche in unseren forschungs- und wertschöpfungsintensiven Exportbranchen arbeiten und damit unseren Wohlstand nachhaltig mehren. Und dieses Weltstadt-Flair in Kombination mit der hohen Lebensqualität wird unsere USP sein!

Nun stellt sich die Frage, ob ein höherer (und bunterer) Detaillierungsgrad für eine Vision 2050 überhaupt möglich ist. Müssten wir nicht „Vision“ grundsätzlich neu denken: nicht das Vordergründige, Sichtbare, sondern das kaum sichtbar dahinter Liegende darstellen? Dies führt zu einer etwas anderen Form einer Vision. Deshalb wird im nächsten Abschnitt ausgelotet, wie der langfristige Erfolgsmotor dieser Region aussieht, bevor einzelne Elemente so dargestellt werden, dass sie diesen Erfolg auch längerfristig unterstützen.