Metrobasel als Campus und Petrischale

Das Herz der Vision

Erfolg ist eine Funktion von Einstellung und Glück. Im Kontext einer Vision für die Region hat Glück etwas mit Geographie (verkehrsgünstig am Rhein) und Klima (durchaus angenehm) zu tun. Beeinflussbar ist es nur schwerlich, darüber zu philosophieren also eher müssig. Einstellung hingegen hat mit Menschen und ihrer Geisteshaltung zu tun. Ein Blick in die jüngere Geschichte Basels zeigt, dass der wirtschaftliche Erfolg darin liegt, dass die Entwicklung von der Textilindustrie über die Farbenchemie, die Spezialitätenchemie hin zu Pharma und Life Sciences möglich war. Ebenso möglich muss in den kommenden Jahrzehnten eine entsprechende – und allenfalls wiederum radikale – Weiterentwicklung unserer Schlüsselindustrie sein.

Die Haltung der massgebenden Menschen bestand und besteht offensichtlich darin, dass in der Region Basel aus naturwissenschaftlichen Erkenntnissen Wertschöpfung generiert wird. Und dies gelang und gelingt sehr gut. Insbesondere sind die Transformationsprozesse als Weiterentwicklung ohne schmerzhafte Brüche gelungen.

Es wäre aber zu kurz gegriffen, das Wesen von Basel auf die durch diese Haltung ermöglichte Industrieentwicklung zu reduzieren. Humanismus und Kunst waren ständige Begleiter dieser Entwicklung. So zeigt es sich, dass die Stärke und der Erfolg der Region Basel auf Konstanten beruhen, die auf der Metaebene angesiedelt sind. Wir können sie als metrobasel spirit bezeichnen: die dem Erfolg zugrunde liegenden Stärken haben sich kaum gewandelt.

Anstelle vom metrobasel spirit könnten wir auch vom Spirit of Basel, vom spiritus basiliensis, von der regionalen DNA oder vom Basler Mem sprechen. Sie decken alle dieselbe Idee ab: die über Generationen weitergegebene geistige Grundhaltung, die den wirtschaftlichen Erfolg der Region Basel ermöglicht hat.

Im Nachhinein mag es fast so aussehen, als ob sich zu Beginn des 16. Jahrhunderts drei bedeutende Persönlichkeiten in Basel zusammengesetzt und einen grossen Masterplan entworfen hätten. Sie waren offen, interessiert, gebildet und fortschrittsgläubig. Es muss etwa 1528 gewesen sein, als der Theologe Erasmus aus Rotterdam, der Mediziner Theophrastus Paracelsus und der Jurist Bonifacius Amerbach den metrobasel spirit kreierten (dabei dem damaligen Zeitgeist entsprechend aber wohl eher an einen spiritus basiliensis dachten). Erasmus steuerte als grosser Humanist die Offenheit und Sprachvielfalt bei, Paracelsus als Arzt und Anatom die naturwissenschaftliche Forschung und Amerbach, der aus einer Buchdruckerfamilie stammte und leidenschaftlich Kunst sammelte, den Sinn fürs Unternehmerische und die Kunst. Historischer Fakt ist, dass diese drei „geistigen Väter des metrobasel spirits“ effektiv miteinander befreundet waren. Leider haben sie von diesem rekonstruierten „denkwürdigen Akt“ kein schriftliches Zeugnis abgelegt. Es kann trotzdem behauptet werden, dass die drei Herren eine Blaupause für das sich später entwickelnde Bildungsbürgertum mit seiner positiven Art der Introversion legten, welche auch heute noch die Grundhaltung des metrobasel spirit ausdrückt.

Der metrobasel spirit trägt massgebend zum Erfolg der Region bei. Damit das übergeordnete Ziel der Vision erreicht wird, müssen wir unsere Konstante – diesen Spirit als zugrunde liegenden Erfolgsfaktor – pflegen und bei allem Vergänglichen Veränderungen nicht nur zulassen sondern auch fördern. Das ist der Kern der Vision 2050.

Erasmus von Rotterdam:
Der Theologe und Universalgelehrte steht für Humanismus und Offenheit

* ca 1466 in Rotterdam, †1536 in Basel: Der katholische Geistliche kam 1514 nach Basel, um hier seine Werke in der Werkstatt von Johann Froben drucken zu lassen. Als die Reformation sich durchsetzte, ging er 1529 für einige Jahre nach Freiburg im Breisgau, kam aber 1535 zurück nach Basel. Als er 1536 starb, hinterliess er zahlreiche Schriften, die Basel dank Erasmus’ Freund und Haupterbe Bonifacius Amerbach mehrheitlich erhalten blieben. Heute ist Erasmus’ Nachlass im Historischen Museum und in der Universitätsbibliothek Basel zu sehen. Dass der bedeutendste Humanist des 16. Jahrhunderts auch in Basel hoch angesehen war, zeigt sich auch daran, dass er – als katholischer Geistlicher – im protestantischen Basler Münster beigesetzt wurde.

Theophrastus Paracelsus:
Der Forscher und Lehrer steht für Naturwissenschaften und Medizin

*1493 in Egg (SZ), †1541 in Salzburg: Paracelsus war der erste Gelehrte, der an der Medizinischen Fakultät Basel Vorlesungen auf Deutsch hielt. Der Arzt, Alchemist, Astrologe, Mystiker und Philosoph, der auf den Namen Theophrastus Bombastus von Hohenheim getauft war, hatte an der Universität Basel studiert – auf Latein. Als er 1527 zurückkam, um zu lehren, tat er dies auf Deutsch – und öffnete seine Vorlesungen für die Allgemeinheit. Damit machte er sich bei Ärzten und Apothekern unbeliebt. Weil er die Medizin seiner Zeit und das blosse Bücherwissen seiner Berufskollegen beissend kritisierte, musste er immer wieder flüchten. So auch 1528 aus Basel, um sich vor einem aussichtslosen Gerichtsverfahren in Sicherheit zu bringen. Trotz seines schlechten Rufes waren seine Heilungserfolge legendär.

Bonifacius Amerbach:
Der Jurist und leidenschaftlicher Sammler steht für Kunst und Kultur

*1495 in Basel, †1562 in Basel: Bonifacius Amerbach war Universitätsrektor, Jurist und Komponist. Und er begann mit der Sammlung, die seine Familie berühmt machen sollte: Sein Sohn Basilius gründete später das Amerbach-Kabinett. Aus diesem Kunst- und Kuriositätenkabinett entwickelte sich das erste öffentliche Museum Europas; es bildet den Grundstock der Basler Sammlungen und Museen. Zu Bonifacius Amerbachs Freunden zählten Hans Holbein der Jüngere, Paracelsus und Erasmus von Rotterdam.

Basel tickt eben doch anders.
Claudio Segovia

Metrobasel als Campus und Petrischale

Auch wenn der heimliche Star der Vision eine jahrhundertealte Konstante ist (der metrobasel spirit) und als die dem Erfolg zugrunde liegende Stärke auf der Metaebene liegt, entwickelten die Teilnehmender am metrobasel Visionsprozess 2050  auf dieser Grundlage zwei Zukunftsbilder:

Die Region Metrobasel ist ein pulsierender Campus: Wohnen, Arbeit, Freizeit und Bildung finden räumlich und zeitlich nicht getrennt statt. Dichte und Nähe führen zu Interaktion und beflügeln Kreativität und Innovation. Ähnlich einem Novartis-Campus oder einem angelsächsischen Hochschul-Campus begegnen sich auf den Strassen Menschen (und nicht Autos). Dadurch werden öffentliche Räume stärker genutzt, insbesondere für Kommunikation, Freizeit und kreativen Austausch.

Die Region Metrobasel ist eine grosse offene Petrischale: Die Ränder sind scharf und durch die Geographie bestimmt; der Schwarzwald, die Vogesen und der Jura bilden die natürlichen Grenzen. Im Innern gibt es eine Art Biotop, das jedoch nach oben offen ist, so dass durch exogene Einflüsse Neues entsteht, wobei es in der Mitte zuerst und stärker brodelt als gegen die Ränder hin. In diesem Biotop werden neue Ideen aufgenommen, mit dem Bestehenden zusammengebracht und weiterentwickelt. Daraus entstehen neue Möglichkeiten wirtschaftlicher, kultureller und sozialer Art. Das Bestehende bildet den Nährboden, auf dem Neues entsteht und in den es integriert wird.

Das Hintergründige (der metrobasel spirit) steht eindeutig im Vordergrund, doch auch das Vordergründige lässt sich bezeichnen: Metrobasel als Campus und Petrischale Europas.

Der metrobasel spirit ist sowohl unser innerer Motor als auch unsere Lebensversicherung.
Urs Müller

Auch wenn unsere Vision spezifisch auf die Region Metrobasel ausgerichtet ist, können wir nicht außeracht lassen, wie sich die Welt um unsere Region herum in den nächsten 37 Jahren entwickeln könnte und was die Auswirkungen davon auf unsere Region wären. Die wichtigsten Megatrends wurden deshalb bei unseren Überlegungen miteinbezogen.

Elemente einer vordergründigen Vision

Um den Spirit der Herren Erasmus, Paracelsus und Amerbach ins 22. Jahrhundert (oder wenigstens bis 2050) zu transportieren, erscheint es zweckmässig, Elemente einer vordergründigen Vision darzustellen. Diese Elemente sind zugleich Konsequenz des metrobasel spirit und Unterstützung der zugrunde liegenden Erfolgsfaktoren.

Wie müssen sich einzelne Elemente entwickeln, damit sie diesen spirit unterstützen? Wie müssen sich die konkreten Politikfelder entwickeln, damit sie diesen Erfolg auch längerfristig sichern? Dabei muss stets klar bleiben, dass es sich höchstens um Richtungsangaben und Wegweiser handeln kann. Entscheidend ist stets die Erhaltung und Stärkung des metrobasel spirit.

Ein Blick auf die Punkte der Vision im ersten Abschnitt zeigt, wie stark sie auf dem metrobasel spirit gründet. Die Aspekte Naturwissenschaft, Offenheit und Kunst sind explizit angesprochen, die erst in ihrer Kombination das spezifisch Baslerische ergeben, das zu einer hohen Lebensqualität in unserer Region führt.

Im Folgenden sollen einige Punkte einer Vision 2050 als Illustration dienen:

Die Bevölkerung in der Region Basel geniesst ihre überdurchschnittlich hohe Lebensqualität. Diese wird ermöglicht durch wirtschaftlich starke Weltklassefirmen, welche aus naturwissenschaftlichen Erkenntnissen marktfähige Produkte entwickeln. Dabei gelingt es immer wieder, die forschungsintensiven Exportindustrien neu auszurichten und diejenigen Teile der Wertschöpfungskette in Basel anzusiedeln respektive zu halten, welche die höchste Produktivität haben.

Die Grundstimmung in Basel ist offen, liberal und tolerant, obwohl die Bevölkerung einen Hang zum Introvertierten hat. Dies führt zu einer kreativen und innovativen Umgebung. Letztendlich sind es Softfaktoren, die als entscheidende Rahmenbedingungen zu hoher Wertschöpfung führen: Dichte und Austausch einerseits und das erfolgreiche Zusammenspiel von Privatwirtschaft und Staat andererseits garantieren, dass Veränderungen möglich sind und Unternehmer etwas unternehmen können.

Kunst und Kultur spielen in der höchsten europäischen Liga mit und bilden zusammen mit herausragenden Bildungsinstitutionen den kreativ-innovativen Nährboden.

Auch ausgedehnte Grünflächen und Naturräume mit hohem Freizeitwert tragen stark zur hohen Lebensqualität bei. Dank der systematischen Ausscheidung von Naturräumen und Freiflächen ist die Region nicht zersiedelt und der Raum gut strukturiert und verkehrlich erschlossen. Die Rheinachse ist die Lebensader der Region und wird für Wohnen und Freizeit intensiv genutzt. Dies alles führt dazu, dass Basel auch als Tourismusdestination attraktiv ist.

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  1. Thierry A. Freyvogel sagt:

    Bloss den Besitzstand zu erhalten, genügt nicht.
    Basel trägt bei zur Lösung weltweiter Probleme.
    Der Rhein verbindet Basel mit dem Ozean; das Ozeanium bindet Basels Bevölkerung an die Weltmeere.

    1. Eamon Collins sagt:

      Was trägt den Basel so bei? Basel löst weltweite Probleme (mit) aus. Eine Vision die den Sozialdarwinismus nicht überwunden hat (versteckt ist nicht überwunden..) ist nichts anderes als eine Dystopie (mit individualistisch/materialistisch, kurz:faschistoiden Zügen), hier wird der Umriss des Worst-Case Szenario gezeichnet.
      Wo genau kommt hier der Mensch und die Garantie zur Freiheit des Individuums vor?
      Oder was ist die Motivation zu dieser „Vision“, als was wird sie verkauft und was sollte sie aus Sicht der Menschen in dieser Region und der Menschen in Regionen mit schlechterer Ausgangslage, sein? Reproduktion und Verschärfung der heutigen Verhältnisse im grösseren Massstab, grössere negative Konsequenzen für die Mehrheit, grössere Möglichkeiten zur Rendite für die wenigen im richtigen Wirtschaftszweig und die Mächtigen. Diversifizierung des Machteinfluss der lokalen Multis und Stadt-Entwickelnden auf andere Sektoren und ganze Bildungszweige durch Kooperationen in andere, neoliberal weiterentwickeltere Wirtschaftsregionen wie beispielsweise Zürich.
      Dies mein persönlicher Eindruck des bisher gelesenen im Austausch mit einer Analyse der laufenden Entwicklung der Region Basel.
      Wäre schön wenn Sie darüber nachdenken, der Schein trügt manchmal..

  2. Urs Müller sagt:

    Die Motivation – oder eher das Ziel – für diese Vision ist einfach: die Wohlfahrt der hier lebenden Menschen nachhaltig zu erhöhen. Das soll nicht auf Kosten anderer Regionen gehen. Ganz im Gegenteil: durch die wirtschaftliche Nutzung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse kann unsere Region auch zur Wohlfahrt anderer Regionen beitragen, beispielsweise durch bessere Medikamente oder Behandlungsformen verschiedener menschlicher Leiden. Davon profitieren – aus unterschiedlichen Gründen – viele, sowohl innerhalb als auch ausserhalb unserer Region. Schliesslich ist eine Vision ein wünschbarer Zustand in der Zukunft, also etwas Positives.